Fräulein wunderlich
“Fräulein, das klingt doch auch viel heller und lustiger, fröhlicher als die Frau, die einem wie ein Klotz vor die Füße plumpst” lese ich heute im Tagesspiegel. Nein, wir haben nicht 1954.
Autorin Susanne Kippenberger hat gemeinsam mit der Redaktion für den Sonntagsteil entdeckt, dass die Anrede Fräulein im Deutschen offensichtlich eine Renaissance erfährt. Immer mehr Frauen würden sich gern als Fräulein bezeichnen und das geschehe dann “selbstbewusst und ironisch”.
Nach fleißigem Abarbeiten der mehr als überzeugenden Argumente, warum Fräulein 1972 als Anrede in Deutschland abgeschafft wurde - der Hauptgrund lässt sich mit der Boshaftigkeit “Ein Fräulein ist eine Frau, der zum Glück der Mann fehlt” (wobei “zum Glück” hier nicht als Ausdruck der Erleichterung gemeint ist) auf den Punkt bringen -, versucht sich die Autorin mit einem eleganten Seifenblasen-Bogen, der die Anrede Fräulein als Etikett der weiblichen Emanzipation neu definieren soll:
Fräulein - das waren die unverheirateten Berufstätigen in Jobs wie Telefonistin, Volksschullehrerin oder Krankenschwester, subalterne Beschäftigungen, die so gut zum weiblichen Wesen zu passen schienen. Nicht ganz optimal, räumt die Autorin ein, aber besser als gar nichts.
Was soll das denn heißen? Dankbarkeit und Demut dafür, dass die weibliche Emanzipation auf einem Spielfeld so groß wie eine Tischtennisplatte gegenüber der Vielfalt an Berufen “erlaubt” wurde? Ist jetzt mal ein anderes Konzept. Aber es passt auch irgendwie so schön zur medienauserkorenen Generation Fräulein - und zu der neu gelebten Piefigkeit von professioneller Mutterschaft bis hin zum mutwillig cool-geredeten Weekend-Event im Schrebergarten.
Der Artikel ist ein unheimlicher Eiertanz. Susanne Kippenberger scheint sich beim Schreiben selbst auf die Finger gehauen zu haben. “Schreib irgendetwas Positives über diesen Fräulein-Scheiß”, hat sie wahrscheinlich vor sich hingemurmelt, “ich brauch’ das Geld …”
Und dabei kam dann das heraus: “Wenn Frauen sich heute selbst das Etikett umhängen, bekommt das leicht Schrullige, das dem Fräulein oft anhaftete, und das ja auch ein Ausdruck von Freiheit sein kann, etwas Liebenswürdiges. Aber Selbstbestimmung muss sein.”
Gut, das hätten wir dann auch geklärt. Mir ist es auf jeden Fall lieber, als Frau bezeichnet zu werden und ich würde mir eher den Mund mit Gaffer Tape versiegeln, als mich in irgendeiner Form zu verniedlichen und damit selbst nicht für voll zu nehmen. Wem das als “Klotz” oder “zu viel” erscheint, den muss ich ja nicht unbedingt näher kennen lernen.
Und wenn sich jetzt eine Leserin fragt, ob sie Frau oder Fräulein ist und sich das nicht selbst beantworten kann: Natürlich gibt es auch eine gleichnamige Zeitschrift, die das Ich-mach-jetzt-auf-selbstbewusst-und-ironisch-aber-nimm-mich-bloß-nicht-ernst-Lebensgefühl gekonnt in Szene setzt und an die zahlende Leserinnen- und Werbekundschaft vermarket.
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Foto:
(via lifeofliterature)